Daniel Verner: Asche zu Asche oder Die Architektur der Krematorien
Das Thema dieses Vortrags mag auf den ersten Blick bizarr oder gar unangemessen wirken, ist jedoch fest mit der Kunstgeschichte und der Menschheit selbst verknüpft: Die Tradition des letzten Abschieds von einem geliebten Verstorbenen ist zeitlos, ebenso wie die Frage, wie dieser bestattet wird. Viele Zivilisationen zogen es aus verschiedenen Gründen vor, den Körper unversehrt zu bewahren; andere bevorzugten die Verbrennung und die Bestattung der Asche in einem bestimmten Gefäß – ob Urne, Amphore oder Topf.
Im 19. Jahrhundert, nach langen Jahrhunderten, in denen Christen ihre Toten unversehrt begruben, begannen in Europa Stimmen laut zu werden, die die Feuerbestattung forderten. Die Argumente dafür und dagegen waren medizinischer, politischer und religiöser Natur. Im letzten Drittel des Jahrhunderts entstanden in Italien, Deutschland und Großbritannien die ersten modernen Krematorien, während sie in anderen Ländern energisch bekämpft wurden.
Einer der Staaten, in denen Krematorien auf wenig Gegenliebe stießen, war Österreich-Ungarn, das die Feuerbestattung trotz wachsender Nachfrage nie gesetzlich regelte. Mit der Gründung der Tschechoslowakei fiel dieses Hindernis weg, und in den ersten Jahren der jungen Republik entstanden eine Reihe bemerkenswerter Bauten, die die Suche nach einer modernen Architektur verdeutlichen – sollte es ein Nationalstil, Purismus, Funktionalismus oder etwas ganz anderes sein? Auch darauf wird der Vortrag eine Antwort suchen.